08.07.2005 KOMMENTAR: DIE ANSCHLäGE VON LONDON
Terroranschläge in Nahost gehören leider fast zur Normalität. Terroranschläge in New York sind schlimm, aber immer noch 6.000 km weit entfernt. Terroranschläge in Europa hingegen machen Angst. Mich hat das besonders erschüttert, fanden die Anschläge vom 7. Juli 2005 doch in der Stadt statt, in der ich ein Jahr gelebt habe.
Gestern kurz nach ein Uhr mittags– ich half gerade einem Freund beim Umzug – ruft mich ein Kollege aus London an und teilt mir mit, dass es ihm gut geht. Gut geht? Wieso auch nicht? Na schalt’ doch mal den Fernseher ein! Gesagt – getan! Da höre etwas von Bomben in Verbindung mit Namen wie Liverpool Street, allen Reisenden, die mit Ryanair oder Air Berlin in die britische Hauptstadt reisen, ein Begriff, pendeln doch von dort die Züge zum Flughafen Stansted. Höre Namen wie King’s Cross, etwa vergleichbar mit dem Nordkreuz wie in Berlin dem S-Bhf. Gesundbrunnen. Das gesamt Areal King’s Cross-St. Pancras wird seit gut 2 Jahren komplett saniert, um den Eurostar an Londons Norden anzubinden, sechs der zwölf Londoner U-Bahnlinien kreuzen sich dort. Ideal für einen Terrorakt – leider! Höre Namen wie Moorgate, mitten im Finanzzentrum „City“, umgeben von Banken und Wirtschaftsberatungsunternehmen.
Sofort versuche ich, andere Freunde in London zu erreichen. Doch alles, was ich bekomme, sind Besetzt-Zeichen und Meldungen, dass das Netz überlastet sei. Später die Entwarnung: Die Mobilfunknetze im Großraum London wurden aus Sicherheitsgründen vorübergehend abgeschaltet, man befürchtete, die Attentäter würden weitere Bomben mit Hilfe Mobiltelefonen zünden. Um drei Uhr MESZ dann der erste Kontakt nach London: alle wohlauf!
Wird denn für die Sicherheit in London nichts getan, könnte man sich fragen. Ganz im Gegenteil! Die Einwohner Londons sind gläserne Menschen. Es gibt kaum ein Gebäude in London, an dem nicht mindestens eine Kamera befestigt ist. Die Waterloo-Bridge, gerade 600 m lang, wird von nicht weniger als 20 Kameras überwacht. Selbst in den Bussen gibt es Überwachungskameras, von U-Bahnhöfen und U-Bahnen ganz zu schweigen. Das Nahverkehrs-Bezahlsystem „Oyster“ beruht auf berührungslosem Kontakt zwischen dem Fahrausweis und den Scannern, die an den Ein- und Ausgängen einer jeden U-Bahnstation angebracht sind. Damit weiß das System, wann jeder Nahverkehrsteilnehmer, der eine „Oystercard“ sein eigen nennt – und das sind schätzungsweise 90 % – wann und wo ein- und aussteigt. Alle Polizisten tragen stets kugelsichere Westen, mindestens ein Mitglied einer Polizeistreife ist in der Regel mit einem Maschinengewehr bewaffnet.
Ich habe das während meines Studiums in London für leicht übertrieben gehalten, ich dachte mir: Na ja, mit dem Datenschutz und den Persönlichkeitsrechten nehmen die es hier nicht so genau ...! Verhältnismäßigkeit ... ? Die traurige Gewissheit ist: Alle Maßnahmen waren und sind umsonst. Alle Sicherheitsvorkehrungen haben diese Anschläge nicht verhindern können. Wie auch!? Wenn sich Menschen mit umgeschnallten Spengstoffgürteln gern im Berufsverkehr in die Luft sprengen wollen, dann vermag alle Technik der Welt nichts daran zu ändern.
Die Redaktion von JuReport verurteilt die Anschläge auf das Tiefste. Unsere Anteilnahme gilt den Opfern und ihren Angehörigen.
Verfasst von Kai Bonitz, LL.M
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